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Glaubensbekenntnis des Magiers
Gott ist mein Vater
Natur ist meine Mutter
Das Universum ist mein Weg
Ewigkeit ist mein Königreich
Unsterblichkeit ist mein Leben
Vertrauen ist meine Fertigkeit
Liebe ist mein Gesetz
Verstand ist mein Haus
Form ist meine Manifestation
Gewissen ist mein Führer
Frieden ist mein Schutz
Erfahrungen sind meine Schule
Hindernisse sind meine Lektionen
Schwierigkeit ist mein Antrieb
Freude ist mein Lobgesang
Schmerz ist meine Warnung
Arbeit ist mein Segen
Licht ist meine Verwirklichung
Freundschaft ist mein Gefährte
Gegner sind meine Ausbilder
Nachbarschaft ist mein Bruder
Scheitern ist meine Gelegenheit
Zukunft ist mein Versprechen
Ausgleich ist mein Gleichgewicht
Schönheit ist mein Ideal
Perfektion ist mein Schicksal
und Einheit mit dem allgegenwärtigen Gott
ist mein endgültiges Ende.
Aus einem uralten persischen Gebet zu Ormagazd
Ich will wissen…
Es interessiert mich nicht, womit du deinen Lebensunterhalt verdienst.
Ich möchte wissen, wonach Du innerlich schreist und ob du zu träumen wagst,
der Sehnsucht deines Herzens zu begegnen. Es interessiert mich nicht, wie alt du bist.
Ich will wissen, ob du es riskierst wie ein Narr auszusehen, um deiner Liebe willen, um deiner Träume willen und für das Abenteuer des Lebendigseins.
Es interessiert mich nicht, welche Planeten im Quadrat zu deinem Mond stehen.
Ich will wissen, ob du den tiefsten Punkt deines Lebens berührt hast, ob du geöffnet worden bist von all dem Verrat, oder ob du zusammengezogen und verschlossen bist
aus Angst vor weiterer Qual.
Ich will wissen, ob du mit dem Schmerz meinem und deinem dasitzen kannst, ohne zu versuchen, ihn zu verbergen oder zu mindern oder ihn zu beseitigen.
Ich will wissen ob du mit der Freude meiner oder deiner da sein kannst, ob du mit Wildheit tanzen und dich von der Ekstase erfüllen lassen kannst, von den Fingerspitzen bis zu den Zehenspitzen, ohne uns zur Vorsicht zu ermahnen, zur Vernunft, oder die Grenzen des Menschseins zu bedenken. Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die du erzählst, wahr ist. Ich will wissen, ob du jemanden enttäuschen kannst, um dir selber treu zu sein.
Ob du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst und nicht deine eigene Seele verrätst.
Ich will wissen, ob du vertrauensvoll sein kannst und von daher vertrauenswürdig.
Ich will wissen ob du Schönheit sehen kannst, auch wenn es nicht jeden Tag schön ist,
und ob du dein Leben aus Gottes Gegenwart speisen kannst.
Ich will wissen, ob du mit Scheitern meinem oder deinem Leben kannst Und trotz allem am Rande des Sees stehen bleibst und zu dem Silber des Vollmonds rufst: "Ja!"
Es interessiert mich nicht zu erfahren, wo du lebst und wie viel Geld du hast.
Ich will wissen, ob du aufstehen kannst nach einer Nacht der Trauer und der Verzweiflung, erschöpft und bis auf die Knochen zerschlagen, und tust, was für die Kinder getan werden muss. Es interessiert mich nicht, wer du bist und wie du hergekommen bist.
Ich will wissen ob du mit mir in der Mitte des Feuers stehen wirst und nicht zurückschreckst. Es interessiert mich nicht, wo oder was oder mit wem du gelernt hast.
Ich will wissen, was dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt.
Ich will wissen, ob du allein sein kannst und in den leeren Momenten wirklich gern mit dir zusammen bist.
Oriah Mountain Dreamer, kanadische Autorin.
Als das Märchen der Wahrheit begegnete
Dort, wo der Wald so dunkel ist, daß die Sonnenstrahlen Mühe haben, den Weg durch der Blätter und Zweige Geflecht zu finden, ist ein heimlicher Weg. Moos und Wurzeln verwischen ihn fast. Nirgendwo sonst duftet es so nach Tannen, Laub und Holz, und nirgendwo ist man der Waldseele so nahe wie hier. Man braucht nur zu lauschen und vernimmt seine Sprache: Den schweigenden Atem der Bäume, das Wispern der Blätter und die heimlichen Stimmen der Tiere des Waldes. An einem flimmernden Sommertag ging in der Schattenkühle dieses Weges
das Märchen. Es hatte ein lichtes, schimmerndes Kleidchen an mit tausend Blumen darin.
Im schwarzen Haare lange buntflatternde Bänder und in der Hand einen Korb mit rotglänzenden lustigen Fliegenpilzen. Es schritt dahin in seinem schwebenden, verträumten Gang, begleitet von einem Kreis aus Sonnenlicht, der unter seinen Schritten dahin glitt wie ein goldener Schatten. Wenn er über die Sonnenflecken dahinschwebte, die überall auf dem Waldboden umherhuschten, blitzten sie auf wie lauter Dukaten. Desselben Weges, ihm entgegen, schritt ein lichtes Weib.
Wenn das Gotteswunder des hüllenlosen Frauenleibes an menschlichen Maßen zu messen ist, dann war das Geschöpf so rein und vollendet wie eine Marmorgestalt Michelangelos.
Das hell leuchtende Haar fiel von dem stolzen Haupt bis über die Hüften. Des Weibes Gesang war von so erhabenem Gleichmaß, daß es schien, als wolle es unaufhaltsam weiterschreiten, seinem Blicke folgend, der in die Unendlichkeit ging.
Aber da stand das Märchen mitten im Weg und schaute mit seinem dunkel goldenen Blick verwundert aufund in zwei Augen, aus denen es die blaue Ferne des Himmels strahlen sah. Und ein großes Staunen war um des Märchens Mund.
"Wahrheit", sagte es mit seiner rätseldunklen Stimme, "was suchst Du auf meinen Wegen?"
"Nichts ist so verborgen, daß ich es nicht finde, und nichts so fern, daß ich es nicht erreiche."
Und es klang, als sei die Himmelsglocke zu Erz erstarrt und schwinge von einem gewaltigen Klöppel.
"Märchen", sprach das Weib weiter, "nur Dich habe ich noch nicht ergründet. Du umgibst Dich mit Deinem leuchtenden Märchenkreis, dessen Rand ich nicht zu überschreiten vermag.
Nimm diesen Zauber hinweg, damit ich Dich erkennen kann." Das Märchen lächelte, wie nur das Märchen lächelt: "Nein, Schwester, Du willst mich erkennen, so erkenne mich auch ganz. Was wäre das Märchen ohne den Zauber des Geheimnisses? Tritt ein in den goldenen Kreis und erkenne, daß eine tiefe Wahrheit im Geheimnisvollen liegt."
"Warum nennst Du mich "Schwester"?", fragte das Weib, und aus seinen Augen
strömte die Unendlichkeit und Kühle des Meeres. "Ich suche nur das, was klar und wahr ist. Ich blicke durch den Menschen hindurch, als sei er ein gläsernes Gefäß, und lese
die' Lüge schon von seinen Gedanken. Welche Wahrheit hättest Du jemals verkündet?"
In des Märchens Augen wuchs eine große Frage, und ein Schein von Ernst und Wehmut stand in seinem kinderschmalen Gesicht.
"Was ist das, Wahrheit? Ist es das, wovon die Menschen große Worte machen
und das sie dennoch furchten wie eine giftige Schlange? Ist es das, was sie immer nur auf den Lippen tragen und nie im Herzen? Ist es das, vor dem sie ihre Türen weit öffnen, damit es alle sehen, und vor dem sie alle Pforten mit tausend Schlössern verschließen, wenn es ihre Schwelle überschreiten will? Ist es das, was nur in den Augen von Kindern und Heiligen leuchtet wie ein Funken, der bei dem kleinsten Windhauch verlischt?
Dann war ein langes Schweigen, bis die Wahrheit sagte: "Du hältst mir einen seltsamen Spiegel vor, kleines Märchen, dennoch erkenne ich mein Gesicht Ja, es ist ein großer Zwiespalt um das Wesen der Wahrheit Die Menschen suchen mich, und doch fliehen sie vor mir. Sie bauen mir Denkmäler in Stein und Erz und gehen abgewandten Gesichtes vorüber. Sie können nicht leben ohne mich, doch viel mehr noch glauben sie, daß sie verderben müßten ohne die Lüge." Und in unerbittlichem Ernst: "Doch mein Weg ist unabänderlich und folgt ewigem Gesetz wie die Sternenbahnen. Auf den Spuren der Lüge muß ich weiterschreiten und ihr wieder und wieder meinen Spiegel vor das nächtige Antlitz halten.
Aber und abermal habe ich sie gefunden. Morgen und in alle Zeit werde ich sie wieder und wieder entschleiern, ohne Gnade, so lange, bis sie sich vor dem Licht meiner Augen in das ewige Dunkel verkriecht Dann wird zwischen ihr und mir, an der Schwelle von Licht und Dunkel, der Menschen Gewissen stehen, und ich kann zurückkehren zu Gott und ihm sagen, daß mein Weg vollendet ist "
Das Märchen hatte demütig den zarten Kopf gesenkt, und als es jetzt aufschaute, glänzte es wie Tränen in seinen Augen. "Schwester", sagte es leise, "so gehen wir doch den gleichen Weg. Nur Du schreitest auf den großen, lauten Straßen, und ich gehe stille, verborgene Pfade. Du wandelst im harten Licht und ich in der milden Dämmerung. Du hältst den Menschen Deinen kalten, unbarmherzigen Spiegel vor das Angesicht, und ich erzähle ihnen Märchen, in denen sie sich selber wiederfinden, in ihrer Erbärmlichkeit und ihrer Göße. Lüge und Wahrheit kämpfen in meinen Geschichten, Armseligkeit und Großmut, Feigheit und Heldentum. Doch immer trägt das Edle den Sieg davon. So lehre ich sie leise und unmerklich, was Gottes Wille ist“
Dann war noch einmal Schweigen und eine Stille, daß das Singen der silber flimmernden Mückenwölkchen wie ein Brausen klang. "Märchen", sagte dann die Wahrheit, doch ein Zögern klang in ihrer Stimme, "Wahrheit findet ihren Weg ohne Krücken. Warum verwebst Du sie in den bunten Teppich Deiner Märchen, so daß man sie nicht mehr erkennen und entwirren kann?" "Weil ich das Märchen bin." Und es lächelte wieder. "Sieh, wenn ich zu den Menschen komme, so ist ein gutes, frohes Leuchten in ihren Gesichtern. Sie öffnen ihre Herzen, um zu lauschen, weil sie wissen, daß sie keine Wahrheiten zu fürchten haben. Nur Märchen. Und sie weinen und lachen, wie ich es will. Sie hassen den Geizhals und Bösewicht, der in meinen Märchen lebt, und sei er auch ihr eigen Spiegelbild. Sie schauen demutsvoll und andächtig zu dem Heiligen auf, den sie in der Wirklichkeit wohl verspotten möchten. Aber das alles bleibt in der Menschen Herzen, und wenn sie es wieder verschließen, klingt es heimlich weiter. Erst leise. Doch eines Tages mahnt es laut: "Alles Böse rächt sich auf Erden!" Dann ist das Märchen Wahrheit geworden und pocht in der Menschen Brust als ihr Gewissen.
Hier geschah es, daß die Wahrheit wie unter einem milden Zwange das stolze Haupt senken mußte und sah, daß sie in dem Goldschein des Märchenkreises stand, der lautlos gewachsen und über ihre weißen Füße dahingeglitten war. Der lichte Schleier ihres Haares war vornüber gefallen und verbarg ihr Gesicht Stille. Bis die dunkle Glocke ihrer Stimme bat: "Erzähle ein Märchen." Da ging ein warmes Leuchten über des Märchens Gesicht Mit einer unendlich lieben Geste nahm es die große Hand des Weibes und schritt mit ihr weiter in das grün goldene Dunkel ihres Waldes. Und der Lichtschein um ihre schreitenden Füße begleitete sie, als folgte ein Strahl aus Gottes Auge ihren Schritten.
Und das Märchen erzählte ein Märchen. Doch bereits das erste, voller Rätsel und Geheimnisse, verzauberte die Wahrheit, und sie bat wieder und wieder um noch eines, wie damals bei Scheherezade in 1001 Nacht. Endlich bat sie: "Erzähle mir alle Märchen, die Du weißt"
Wie konnte sie wissen, daß sie Unmögliches verlangte? Wie kann man das Meer ausschöpfen? Denn während das eine Märchen erzählt wird, ist schon ein neues geboren und immer so fort.
Die schönsten aber sind die Geschichten, in denen Unwirkliches geschieht, in denen Zauberer, Feen, Hexen, Gnomen und Elfen vorkommen. Gerade diese erzählte das Märchen der Wahrheit, und je unwirklicher die Geschehnisse waren, die das Märchen vor der Wahrheit ausbreitete, umso mehr war sie von ihnen bezaubert.
So ist es dann gekommen, daß das Märchen erzählt bis auf den heutigen Tag, und die Wahrheit glaubt nun zu wissen, daß das wahrhaft Wirkliche das Phantastische ist; denn alles Wirkliche war ursprünglich das Phantastische. Was auch der menschliche Geist gebiert, und schiene es auch noch so märchenhaft, eines Tages wird es verwirklicht.
So gehen das Märchen und die Wahrheit Hand in Hand bis in alle Zeit.
Magier und Märchenerzähler Punx.
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